Wo unser neues Wasserrad entsteht – ein Tag bei Simon Oehrli in Lauenen

Zu Besuch beim Mann, der unserem Wasserrad neues Leben einhaucht.

Ich habe eigentlich immer gedacht, das Val Müstair sei von Schwamendingen aus ungefähr das Ende der Welt. Seit heute weiss ich: Es geht noch ein kleines Stück weiter. 🙂

Denn wer Simon Oehrli in Lauenen besuchen möchte, braucht von Schwamendingen aus über vier Stunden. Eine ziemlich lange Reise – aber eine, die sich definitiv gelohnt hat.

Heute durfte ich einen ganzen Tag dort verbringen, wo unser neues Schwamendinger Wasserrad entsteht: bei Simon Oehrli in Lauenen im Berner Oberland.

Schon die Fahrt dorthin ist etwas Besonderes. Je weiter man fährt, desto eindrücklicher wird die Landschaft. Eingebettet in die Bergwelt liegt Lauenen in einem wunderschönen Tal – eigentlich genau der richtige Ort für ein Handwerk, bei dem Holz, Erfahrung, Präzision und unglaublich viel Leidenschaft zusammenkommen.

Der Blick aus der Werkstatt in Lauenen.

Wir wussten natürlich schon vorher, dass wir mit Simon Oehrli einen ausgewiesenen Fachmann für unser neues Wasserrad gefunden haben. Nach diesem Tag bin ich aber noch einmal mit einem ganz anderen Gefühl nach Hause gefahren.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass es irgendwo auf der Welt jemanden gibt, der uns ein besseres Wasserrad hätte bauen können.

Die Wagnerei Oehrli in Lauenen – hier entsteht unser neues Wasserrad.

Vom Computer bis zur Handarbeit

Besonders faszinierend war für mich zu sehen, wie viel Planung hinter einem solchen Wasserrad steckt.

Bevor überhaupt das erste Stück Holz seine endgültige Form erhält, wird geplant, gerechnet und konstruiert. Simon zeichnet die einzelnen Bauteile am Computer mit CAD und legt damit die Grundlage für das gesamte Rad.

Aus der Planung wird Praxis: Notiz zum Lagerabstand für das Wasserrad Schwamendingen.

Und dann beginnt der Teil, der mich besonders beeindruckt hat.

Aus den digitalen Zeichnungen werden echte Bauteile. Moderne Maschinen helfen dabei, das massive Holz präzise zu bearbeiten. Doch genauso wichtig sind die vielen Arbeitsschritte, bei denen Erfahrung, Augenmass und klassische Handarbeit gefragt sind.

Jedes Bauteil geht durch die Maschine – und danach nochmals durch die Hände.
Frisch gefräst: ein Kranzsegment in den Spänen.

Es wird gemessen, angepasst, bearbeitet, kontrolliert – und wieder gemessen.

Jedes Teil wird gewogen – die Zahlen sind Gramm. So lassen sich die Schaufeln so auf dem Rad verteilen, dass keine Unwucht entsteht.

Als Laie steht man daneben und fragt sich zwischendurch schon, wie all diese einzelnen Holzteile am Ende tatsächlich zu einem grossen Wasserrad zusammenpassen sollen.

Die gebogenen Kranzsegmente, bereit zum Zusammenfügen.

Und dann werden die Teile zusammengefügt.

Und sie passen.

Nicht irgendwie.

Sondern teilweise auf den Zehntelmillimeter genau.

Die stählerne Nabenscheibe mit den eingesetzten Speichen.
Jede Speiche sitzt exakt dort, wo sie hingehört.

Für jemanden wie mich, der normalerweise nicht täglich Wasserräder baut, ist das schlicht beeindruckend.

Handwerk, das man spürt

Was mich an diesem Tag aber mindestens genauso beeindruckt hat wie die Präzision, ist Simons Leidenschaft für seine Arbeit.

Man merkt schnell: Hier entsteht nicht einfach ein Produkt, das möglichst schnell fertig werden muss.

Prüfen, anpassen, nochmals prüfen.

Simon kennt jedes Bauteil, weiss, weshalb es genau diese Form bekommt und wie sich eine Entscheidung an einer Stelle später auf das ganze Rad auswirkt. Er verbindet moderne Planung und Maschinen mit einem handwerklichen Wissen, das man sich nicht einfach aus einem Buch aneignen kann.

Vieles geht nur von Hand – mit Erfahrung und Augenmass.

Am Nachmittag wurde es dann noch etwas lebendiger in der Werkstatt: Simons Vater und seine Tochter trafen ein – und beide packten ganz selbstverständlich mit an. Plötzlich arbeiteten drei Generationen gemeinsam an unserem neuen Schwamendinger Wasserrad.

Und Simons Tochter hat sogar an ihrem Geburtstag mitgeholfen.

Drei Generationen an einem Wasserrad: Simons Vater und seine Tochter wiegen und beschriften die Bauteile.
Mit Simon Oehrli (hinten) in der Werkstatt in Lauenen.

Das war für mich ein besonders schöner Moment. Zu sehen, wie Wissen, Erfahrung und die Freude am Handwerk innerhalb der Familie weitergegeben werden und wie alle mithelfen, damit unser Rad entsteht, hat diesem Besuch noch einmal eine ganz besondere Note gegeben.

So wurde aus meinem Besuch bei einem Wasserradbauer irgendwie auch ein kleiner Einblick in gelebtes Familienhandwerk.

Genau diese Kombination aus moderner Technik, traditioneller Handarbeit, Erfahrung und persönlichem Engagement macht die Arbeit von Simon und seiner Familie so besonders.

Und vielleicht ist es gerade das, was unser neues Wasserrad verdient hat.

Denn auch das Schwamendinger Wasserrad ist nicht einfach irgendeine Konstruktion aus Holz. Es ist seit Jahrzehnten ein Stück Schwamendingen, ein Wahrzeichen und für viele Menschen im Quartier mit Erinnerungen verbunden.

Von Lauenen nach Schwamendingen

Während ich Simon bei der Arbeit zugesehen habe, wurde mir noch einmal bewusst, was für eine Reise hinter diesem Projekt steckt.

Vor nicht allzu langer Zeit stand im Raum, dass unser altes Wasserrad verschwinden könnte. Heute stehen wir in einer Werkstatt im Berner Oberland und können dabei zuschauen, wie aus einzelnen massiven Holzteilen Stück für Stück ein neues Wasserrad entsteht.

Achse und Lager – das Herzstück des neuen Rads.
Ein fertiges Bauteil wartet auf den Zusammenbau.

Ein Rad, das hoffentlich wieder viele Jahrzehnte am Hüttenrain seine Runden drehen wird.

Und wenn wir später einmal davorstehen und das Wasser wieder über die Schaufeln läuft, werden die wenigsten sehen, wie viele Gedanken, Berechnungen, Maschinenstunden und wie viel Handarbeit in jedem einzelnen Teil stecken.

Ich werde es nach diesem Tag mit anderen Augen betrachten.

Und vielleicht werde ich dann auch jedes Mal daran denken, dass dieses Wasserrad seinen Weg aus einem kleinen Tal im Berner Oberland bis nach Schwamendingen gemacht hat – über vier Stunden Fahrt und gefühlt einmal quer durch die Schweiz.

Danke, Simon

Simon Oehrli in seiner Werkstatt in Lauenen.

Lieber Simon

Danke, dass ich dir heute einen ganzen Tag lang über die Schulter schauen durfte.

Danke für deine Geduld mit meinen vielen Fragen und vor allem für die unglaubliche Leidenschaft und Sorgfalt, mit der du unser neues Wasserrad baust.

Ein grosses Dankeschön geht natürlich auch an deinen Vater und deine Tochter, die am Nachmittag dazugekommen sind und tatkräftig mitgeholfen haben. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass an unserem neuen Wasserrad nicht nur unglaublich viel Fachwissen und Präzision, sondern auch so viel persönliches Engagement und Familienhandwerk steckt.

Für uns in Schwamendingen ist dieses Rad etwas Besonderes. Umso schöner ist es zu wissen, dass es von Menschen gebaut wird, für die es offensichtlich ebenfalls nicht einfach irgendein Auftrag ist.

Nach meinem Besuch in Lauenen bin ich jedenfalls mehr denn je überzeugt:

Unser Wasserrad ist in den bestmöglichen Händen.

Und die Vorfreude auf den Moment, wenn sich dieses beeindruckende Stück Handwerk zum ersten Mal wieder in Schwamendingen dreht, ist heute noch einmal ein gutes Stück grösser geworden.

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